Bad Münder bekommt ein Pilgerzeichen

In den 1990er Jahren sollte nordöstlich von Bad Münder der „Deister-Park“ entstehen – inzwischen gilt das Projekt als Fehlplanung, an die man sich in der Stadt ungern erinnert. Einzig für die Wallfahrtsforschung brachte die Baustelle einen Erkenntnisfortschritt mit sich, denn auf dem geplanten Baugelände wurden durch eine Geländeprospektion die Grundmauern einer um 1500 entstandenen Wallfahrtskapelle entdeckt.

Auch wenn die Existenz der einstigen Annenkapelle wohlbekannt und ihr Abriss zur Gewinnung von Baumaterial im Jahre 1591 durch eine landesherrliche Anweisung dokumentiert war, löste die Ausgrabung der Anlage im Jahre 1999 doch eine kleine Sensation aus, war es doch seit Jahrzehnten die einzige Grabung in Niedersachsen, die einen ehemaligen Wallfahrtsort wieder zum Vorschein brachte. Eifrige Heimatforscher begleiteten das Geschehen vor Ort mit Enthusiasmus. Die Grabung brachte nicht nur die Grundmauern des Kapellenbaus zu Tage, sondern auch die einer Häuserzeile mit sechs Gebäuden, die dem Personal der Kirche zur Wohnung und den Besuchern als Schenke und möglicherweise auch als Herberge dienten.

Der außerordentlich dynamische Besuch dieses Wallfahrtsortes fand mit der Reformation freilich ein rasches Ende – und auch die von der Ausgrabung befeuerte Publikationswelle in den ersten Jahren des 21. Jahrtausends ist schon lange abgeebbt.

Aber nun gibt es Neues zu berichten: Wir kennen endlich jene Pilgerzeichen, die in der Annenkapelle verkauft wurden und können uns damit ein Bild von dem hier einst verehrten Gnadenbild machen. Auslöser dieser Entdeckung war ein 2013 in Hamburg-Harburg bei archäologischen Grabungen entdecktes Pilgerzeichen mit der Darstellung einer stehenden Anna Selbdritt.


Annen-Pilgerzeichen aus Bad Münder, gefunden in Hamburg-Harburg
Foto: Archäologisches Museum Hamburg

Der Harburger Fund hat große Ähnlichkeit mit einem bereits vor einigen Jahrzehnten im niederländischen Nieuwlande entdeckten Zeichen, das man bisher als Insignie der Wallfahrt zu Sint Anna ter Muiden in Zeeland missdeutet hatte. Daher wurde das Harburger Stück auch mit dieser Identifikation publiziert. Eine Überprüfung der Inschrift im Rahmen unseres Projektes stellte aber klar, dass es sich um ein Zeichen der hl. Anna „vor de stat mundere“ handelt. Das Wappenschild mit dem stehenden Löwen erinnert an den ehemaligen Landesherren, die Fürsten von Lüneburg.

Die neue Identifikation des Zeichens ist eindeutig. Wird sie auch neue Einsichten zur Wallfahrtsgeschichte von Bad Münder anregen?

Hartmut Kühne

Ock scall men ghan to deme hilgen crutze to Lutkenborg …: Irrungen und Wirrungen in Lütjenburg

Auf der Suche nach bekannteren oder sogar bedeutsamen Wallfahrtsorten im Norden Schleswig Holsteins stößt man unweigerlich auf dieses Zitat zum Heiligen Kreuz von Lütjenburg. Es stammt von Johann Peter aus Burg auf Fehmarn, der in seinem 1439 verfassten Testament diese Auftragswallfahrt anordnete. Neben dem Heiligen Kreuz in Lütjenburg sollte man auch in das nahe Selent, zu St. Servatius ziehen, und an beiden Orten jeweils einen Schilling opfern.

Trotz dieser breit zitierten Quelle ist es bislang nicht gelungen, dem vermeintlichen Pilgermagneten eines ‚Heiligen Kreuzes zu Lütjenburg‘ schärfere Konturen zu verleihen. Seit Friedrich Witt um 1900 und Fritz Seefeldt um die Mitte des 20. Jh. ihre wichtige Grundlagenforschung zur Lütjenburger Kirchengeschichte leisteten, ist zudem hoch umstritten, was man sich unter  diesem ‚Heiligen Kreuz‘ vorzustellen habe, wo es aufbewahrt und wie es präsentiert wurde.

Eine Reise nach Lütjenburg, eine Inaugenscheinnahme eines spätmittelalterlichen Rechnungsbuches und ein Treffen mit dem Lokalforscher Walther Knoke im Februar 2019, dazu drei Leitfragen unter dem Arm, sollten daher etwas Licht ins Dunkel bringen.

Frage 1: Was genau war das ‚Heilige Kreuz‘?

Mit großer Wahrscheinlichkeit handelt es sich hier um einen kleinen Splitter, der vermeintlich einst dem wahren, in Jerusalem geborgenen Kreuz Christi, zugehörte und damit zu den kostbarsten Reliquien überhaupt gehört. Allein die Präsenz eines solchen Splitters in der ländlichen Region um Lütjenburg  ist bemerkenswert und musste die Reputation des Ortes befördert haben. Zur Herkunft der Reliquie ist zwar nichts bekannt, für eine Verbreitung von Kreuzreliquien im nordelbischen Raum lässt sich aber auf die Lübecker Bischöfe verweisen. So ist um 1300 eine Kreuzreliquie in St Michael in Eutin fassbar, die Bischof Burchart von Serkem von seiner Romreise mitgebracht hatte und die durch weitere Teilungen Verbreitung gefunden haben könnte.

Gelegentlich wird auch der Verdacht geäußert, es handle sich beim Heiligen Kreuz von Lütjenburg um einen Kruzifixus oder ein Großkreuz, das in einer Kapelle ausgestellt von Pilgern verehrt wurde. Zwar ist ein Bildwerk als Anziehungspunkt nicht auszuschließen. Voraussetzung für die Verehrung solcher Bildwerke war aber auch hier immer die Präsenz eines authentischen materiellen Splitters vom Kreuz Christi:

Die Eutiner Kreuzreliquie etwa schloss man im Brustkorb eines Kruzifix unter einem Bergkristall ein (Körber 1977, S. 181). Das von Bischof Albert Krummediek gestiftete Triumphkreuz im Lübecker Dom besaß eine Reliquie im Kopf der Christusfigur. Spannend war daher die Entdeckung eines solchen Reliquienfaches im Lütjenburger Triumphkreuz. Kaum merklich aus der Ferne ist eine kleine Öffnung in der Brust Christi zu sehen, die ehemals sicher eine Reliquie barg.

Kruzifix in der Lütjenburger Kirche

Frage 2: Das Kreuz in der Kirche?

Dafür, dass das Kreuz in einer eigenen Behausung oder Kapelle untergebracht war, spricht ein im Pfarrarchiv vor Ort erhaltenes Rechnungsbuch. Nach einer Notiz desselben wurden 1468 Arbeiten am „wellste tom hilgen Krutze“ (Gewölbe am Heiligen Kreuz) bezahlt.


Einträge im Rechnungsbuch der Kirche von Lütjenburg

Unklar ist hingegen bis heute, wo diese Kapelle stand. Besonders an der Frage, ob das ‚Heilige Kreuz‘ in der Hauptkirche St Blasius (heute unter dem nachreformatorischen Patrozinium St. Michael geführt) aufbewahrt wurde, scheiden sich die Geister. Angebaute Kapellen sind hier zwar vorhanden, ein Kreuzpatrozinium ist gleichwohl nicht belegt. In eine neue Richtung wies daher die Historikerin Irmtraud Engling mit ihrer quellenkundlich gestützten These, das ‚Heilige Kreuz‘ befand sich nicht in der Hauptkirche von Lütjenburg, sondern in der Nähe eines Stadttores (Engling 2002).

Frage 3: Das Lütjenburger Heilige Kreuz als Pilgermagnet im 15. Jahrhundert?

Die Frage, welche Rolle Lütjenburg und seine Reliquie in den Wallfahrtsbewegungen des späten Mittelalters wirklich spielten, lässt sich auch nach dem Besuch nicht genau beantworten. Ein wirklicher ‚Pilgermagnet‘ war das Heilige Kreuz aber vermutlich nicht. Denn in den gut erforschten Lübecker Testamenten werden keine  Reisen nach Lütjenburg erwähnt, während das nahe Selent mit seiner Servatiuskirche in der Zeitspanne von 1430 bis 1479 immerhin 5 Mal aufscheint (Dormeier 2012, S. 23).

Und dennoch: Das Lütjenburger Rechnungsbuch weist ab 1463 regelmäßig Einnahmen aus einem Opferstock “to dem hilgen Krutze“ aus und auch die Erneuerung des Gewölbes über dem Kreuz zeigt, dass  dieses  Heiligtum Aufmerksamkeit fand – zumindest auf lokaler Ebene.

Mit dieser Gewölberenovierung in Verbindung steht möglicherweise auch die Erneuerung des Hochaltarretabels von St Blasius im Jahr 1467, dessen Mitteltafel die Kreuzigung darstellt.

Blick in den Lütjenburger Kirchenraum mit dem Hauptaltar

Zwar lässt die Ikonografie des Retabels nur bedingt auf die Kreuzverehrung in Lütjenburg schließen. So wird in den Innenflügeln eben nicht die Passion, sondern das Marienleben erzählt. Gleichwohl weist die Retabelstiftung in Lütjenburg auf ein besonderes Engagement der Stadtoberen und des Lübecker Bischofs hin (ab 1466 Albert Krummediek) in dem Ort hin.

Es bestätigt sich damit der Eindruck, dass das Lütjenburger Kreuz eher kein Publikumsmagnet zwischen Kiel und Lübeck war, wie die Auftragswallfahrt aus dem Jahr 1439 suggeriert. Vielmehr scheint die Reliquie vorrangig im näheren Umkreis Beachtung gefunden zu haben.  

Einer intensiveren Erforschung harrt unbedingt die Triumphkreuzgruppe in Lütjenburg. Bot die hier eingelassene Mulde Platz für einen Teil des älteren Lütjenburger ‚Heiligen Kreuzes‘? Gab es weitere Verbindungen, etwa durch Messstiftungen, Prozessionsrouten und Ablässe, die zwischen St Blasius und der Kreuzkapelle hergestellt wurden? Und welches Interesse verfolgten die Lübecker Bischöfe in Lütjenburg?

Nadine Mai

Pilger-Tätowierungen aus Jerusalem

In der Altstadt Jerusalems, in einer Gasse gleich hinter dem Jaffator, findet man das Tattoo-Studio Razzouk. Mag die Eigenwerbung mit einer siebenhundertjährigen Firmengeschichte auch etwas übertrieben sein, so führt der heutige Inhaber Wassim Razzouk zweifelsohne eine Tradition fort, die sich in Jerusalem seit dem 16. Jahrhundert durch Quellen belegen lässt. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts berichteten westeuropäische Jerusalem-Pilger erstmals darüber, dass sie sich als Zeichen ihrer Pilgerfahrt tätowieren ließen. Der erste bekannte Fall war der kaiserliche Rat Alexander von Pappenheim, der Jerusalem 1563/1564 besuchte. Er ließ sich in Jaffa ein Kreuz auf den Oberschenkel stechen. Ihm folgten besonders im 17. Jahrhundert viele andere Reisende, deren Tätowierungen wir in einzelnen Fällen auch durch Abbildungen kennen. Einer von ihnen war der Hamburger Ratge Stubbe, über dessen Reise mehr in der künftigen Ausstellung in Lüneburg zu erfahren sein wird.

Der Verfasser vor dem Tattoo-Studio in der St.-Georgs-Gasse der Jerusalemer Altstadt im Februar 2019

Europäische Pilger waren freilich nicht die Einzigen, die sich dieser Form der Körpermodifikation unterzogen. Vor allem armenische und koptische Christen brachten häufig ein solches Zeichen von ihrem Besuch der Heiligen Stätten mit. Auch die Vorfahren Wassim Razzouks kamen als Kopten im 18. Jahrhundert aus Oberägypten nach Jerusalem. Der Großvater Jakob besaß in den 1950er Jahren noch fast 200 aus Olivenholz gefertigte Stempel mit unterschiedlichen Motiven, die zum Teil noch aus dem 18. Jahrhundert stammten. Mit deren Hilfe ließ sich das zu tätowierende Motiv als Vorzeichnung rasch auf die Haut aufbringen. Denn das Tätowieren war ein Saison- und Stoßgeschäft: Vor allem um das Osterfest kamen große Pilgergruppen aus Ägypten, die sich während ihres Aufenthaltes in Jerusalem von der Familie Razzouk tätowieren ließen. Diese Nachfrage brach freilich nach dem Sechstagekrieg von 1967 ein, da Ägypter zunächst nicht mehr nach Israel reisen konnten.


Tätowier-Stempel mit dem Heiligen Grab und einer lateinische Buchstaben nachahmenden Umschrift

Umso erfreulicher ist es, dass diese Tradition nicht abbrach. Auch wenn Wassim Razzouk heute nur noch über einen Teil der historischen Holzstempel seines Großvaters verfügt und einige seiner Werkzeuge moderne Repliken nach den Abdrücken der Originale sind, so ist der kleine Laden doch von einer eigenen Atmosphäre geprägt, für die der Geschäftsslogan „Tattoo with heritage“ steht.


Tätowier-Stempel mit dem Jerusalemkreuz und den drei Kronen sowie einem Stern für Betlehem

Inzwischen nimmt ein buntes und internationales Publikum die Dienstleistungen dieses Studios in Anspruch und Wassim Razzouk ist in der weltweiten Tattoo-Szene ein Begriff. Ihm ist für die Bereitschaft zu danken, uns vor Ort Auskunft zu seiner Arbeit und seiner Familie zu geben. Auch durften wir Filmaufnahmen machen, die ebenfalls in der Lüneburger Ausstellung zu sehen sein werden. Herrn Botschafter a.D. Dr. Mordechay Lewy, dem vorzüglichen Kenner und Wiederentdecker der Jerusalemer Pilgertätowierungen der frühen Neuzeit, danke ich für zahlreiche Anregungen und Auskünfte.

Hartmut Kühne

Die Hafengrabung in Stade 2013-2016

Bei den Grabungen im Stader Hansehafen wurden neben großen Mengen anderen Fundmaterials auch knapp 200 Pilgerzeichen und verwandte Weißmetallgüsse gefunden. Dieser bislang in Deutschland einzigartige Fundkomplex von Pilgerzeichen gab den Anstoß zu dem hier laufend kommentierten Forschungs- und Ausstellungsprojekt. Der enorme archäologische Ertrag verdankt sich besonders dem Engagement der in der AG Archäologie Stade tätigen Freiwilligen. Deshalb ist es erfreulich, dass an dieser Stelle zwei der beteiligten Personen auf diese Arbeit zurückblicken.

Hartmut Kühne

Im August 2013 erfolgten im historischen Hafenbecken Bauarbeiten zur Sanierung der sogenannten „Hudebrücke“ im Zentrum von Stade. Von den Baumaßnahmen hauptsächlich betroffen war ein Seitenarm des Flusslaufes Schwinge, der im 13. Jahrhundert zum festen Hafen umgebaut und später an dieser Stelle durch eine Steinbrücke überbaut wurde. Um die Brücke von unten überholen zu können, wurde das betroffene Hafenbecken durch Dämme abgeriegelt und trockengelegt.

Am 26. August 2013 wurden von der Stadtarchäologie baubegleitende Sondierungsgrabungen begonnen, um die in situ vorhandene Funde aus 800 Jahren Stadtgeschichte und deren Schichtenfolgen zur Zeitanalyse zu erhalten.

Offizielles Ende der Grabungen vor Ort und Beginn der eigentlichen Sanierungsmaßnahmen war der 7. Oktober 2013. Inzwischen waren viele historische Kleinfunde sowie eine komplette Sonnenuhr (in 2 Teile zerbrochen) aus dem 17 Jahrhundert gefunden worden. Da der Boden vor Ort ausgetauscht werden musste, wurde durch den Stadtarchäologen Dr. Schäfer beschlossen, den kompletten Erdaushub des Hafenbeckens bei den Kommunalen Betrieben Stade zwischen zu lagern.


50 Bigbags aus der Hafengrabung mit genauer Herkunftsangabe

Die AG Archäologie (Hobbyarchäologen aus dem ganzen Stader Umfeld) waren bereits bei den „offiziellen“ Grabungen vereinzelt behilflich gewesen und haben so die Stadtarchäologie unterstützt. Diese ehrenamtlichen Helfer setzen sich aus allen Berufsgruppen, aus Hausfrauen, Rentnern und Pensionären zusammen.

Man verabredete sich am 13. Oktober 2013, den Aushub an den folgenden Wochenenden auf weitere Fundstücke hin oberflächlich zu untersuchen. Die Fundmenge an Münzen, Spielzeug, Knöpfen, Schnallen, aber auch Bootsnägeln, Warenplomben, Militaria, Teilen von Taschenuhren, Gefäßscherben sowie vereinzelt auch Pilgerzeichen, die dabei zutage kam, war so überwältigend, dass die angedachte Entsorgung zur Verbrennung wegen Kontamination des Bodenaushubes schnell fallen gelassen wurde. Statt dessen wurde von einer ständig wechselnden Gruppe aus 10 – 30 Ehrenamtlichen fast jedes freie Wochenende, auch Feiertage, dazugenutzt, die Unmenge an Boden in Kleinarbeit im Freien zu schlämmen. Auch widrige Wetterverhältnisse konnte sie nicht davon abbringen. Bis Dezember war klar, dass die gesamte Aushubmenge von ca. 350 Kubikmeter nur in jahrelanger Arbeit zu bewältigen war.


Schlämmen im ehemaligen Technikmuseum 2014

Ende August 2016 war schließlich das letzte Gramm Bodenaushub durchsiebt und geschlämmt. Dies wurde durch die AG Archäologie mit einem großen, gemeinsamen Sommerfest gefeiert.

Das letzte Pilgerzeichen (aus Aachen), vielleicht das älteste hier in Stade gefundene, kam erst am allerletzten Tag wieder ans Tageslicht.

Will Helms

Die Besonderheit der Pilgerzeichen-Funde aus dem Stader Hafen

Es war ganz am Anfang unserer dreijährigen Schlämm-Aktion, als die ersten Pilgerzeichen aus Wilsnack im Sieb lagen. Zu dieser Zeit konnten nur wenige Mitglieder der Archäologie-AG auch nur mit dem Begriff etwas anfangen, geschweige denn, sie kennen bzw. erkennen. Aber einige Mitglieder wussten eben doch um die Besonderheit dieser Plaketten aus Blei-Zinn, welche die Pilger im 14. und 15.Jahrhundert auswiesen. Mit dem Finden und Erkennen eines jeden neuen Pilgerzeichens wuchs in der Gruppe die Freude und Aufmerksamkeit. An manchen Schlämmtagen, die im Dezember 2013 und im Januar 2014 im damaligen Technikmuseum bei Minusgraden stattfanden, bargen wir drei Pilgerzeichen und der Jubel war groß. Wir kamen auch an den Weihnachts- oder Osterfeiertagen zusammen und unsere Motivation wurde durch neue Funde belohnt.

Die Verfasserin mit einem frisch geborgenen Pilgerzeichen aus Elende

Peter Wellbrock, unser ältestes Mitglied, ein ehemaliger Journalist mit vielen Kontakten, stellte die Verbindung zu den Pilgerzeichen-Experten Jörg Ansorge und Hartmut Kühne her. Spätestens mit deren großem Interesse und ihrem Besuch im Oktober 2014 war die Gruppe sich auch der überregionalen Aufmerksamkeit gewiss. Einige Mitglieder haben sich in dieses hochinteressante Thema eingearbeitet, zur Historie des Pilgerns geforscht und deshalb Klöster, Pilgerstätten sowie Museen im In- und Ausland besucht.

Unsere AG ist mit Funden reich „beschenkt“ worden. Jedes Mitglied hatte seine Lieblingsfundgruppe: Münzen, Uniformknöpfe, Tuch- und Warenplomben, Spielsachen etc. Aber ausnahmslos alle AG- Mitglieder freuen sich über die Bedeutung unserer geborgenen Pilgerzeichen.

Christine Eberz

Herkunft von Pilgerzeichen aus der Antoniterpräzeptorei Tempzin in Mecklenburg gesichert!

Schon lange waren Pilgerzeichen-Abgüsse auf den Glocken in den Dorfkirchen von Wittenförden (1473), Domsühl und Russow (1435) bekannt. Sie mussten aus einem Wallfahrtsort stammen, an dem der hl. Antonius verehrt wurde, da sie auf dem Querbalken die – zumindest in Russow gut lesbare – Majuskelinschrift „S’ ANTHONIUS“ tragen. Auch sind auf dem Schaft des Zeichens übereinander drei Taukreuze angeordnet.

Abguss in Domsühl

Archäologische Untersuchungen des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern (Landesarchäologie) bargen im Kloster Malchow (Mecklenburgische Seenplatte) einen Bodenfund. Auf seinem Querbalken ist nur der Anfang der Inschrift – „Sanct…“ – zu lesen. Auf dem Schaft erscheinen die drei Taukreuze. Ein weiterer Fund dieser Art liegt aus Danzig vor. Die Vermutung lag nahe, dass diese Zeichen aus der Antoniterniederlassung im mecklenburgischen Tempzin stammen könnten. Aber bisher fehlte dafür der Beweis.

Diesen erbrachten nun zwei archäologische Funde aus dem Stader Hafen. Sie lassen eine Inschrift in dünn eingeritzten Minuskeln erkennen, die lautet: „Sante T antonyo /  to T dem T syn [Sankt Antonius zu Tempzin]“. Damit ist ihre Herkunft aus Tempzin sicher belegt. 

Pilgerzeichen aus Tempzin (Hafengrabung Stade)

Die 1222 in Tempzin, 20 km südöstlich von Wismar, gegründete Niederlassung des Antoniterordens blieb lange die einzige in Norddeutschland. Von hier ging die Gründung der Filialen in Mohrkirch (Morkaer) in Schleswig (1391) und Praestö (auf Seeland) in Dänemark (1470) sowie Frauenburg in Westpreußen (1514) aus.

Die Antoniterpräzeptorei von Tempzin, von Papst Bonifatius IX. 1399 und 1400 mit großen Ablässen ausgestattet, zog seit dem frühen 15. Jahrhundert Wallfahrer an. Neben weiteren bischöflichen Ablässen verhieß 1470 eine Bulle Papst Pauls II. den Besuchern des Ordenshauses einen fünfjährigen Ablass. Um 1500 erfuhr die Antoniterkirche unter dem Präzeptor Johannes Kran erhebliche Umbauten, an die eine Bauinschrift an der Südseite der Westfassade der Kirche erinnert und mit einem Wappen des Kran (Kranich) mit Taukreuz eingeleitet wird.


Ziegel an der Westfassade der ehemaligen Antoniterkirche in Tempzin 

Antonius-Figur in der ehemaligen Klosterkirche Tempzin

Nach testamentarischen Verfügungen aus Lübeck wurden seit 1415 Pilger nach „sunte Anthonius hove by der Wysmar“ (Antoniushof, Tönnieshof) entsandt. In Stralsund sind zwischen 1495 und 1501 vier Wallfahrten nach Antoniushof ausgeschrieben worden. Aus den umliegenden Hansestädten gab es zahlreiche testamentarisch verfügte Stiftungen an die Antonius-Bruderschaft in Tempzin, zumeist verbunden mit dem Wunsch, in das Gedächtnisbuch (denkeboekewighe doden bok) eingetragen und in das Seelgedächtnis aufgenommen zu werden. Aus der Stiftung des Wismarer Bürgers Johannes Schelp von 1411 sollen die Mittel für die Schaffung des heute im Staatlichen Museum Schwerin erhaltenen Passionsaltars der Tempziner Kirche stammen. Ein weiteres markantes Kunstwerk ist eine Antonius-Statue,die heute noch in der Kirche steht. 

Die archäologischen Funde der Pilgerzeichen bestätigen nicht nur die aus den Testamenten und durch die Glockenabgüsse bekannte Attraktivität Tempzins als Wallfahrtsort in Mecklenburg, sie zeugen zugleich von einer weiten Bekanntheit im Nord- und Ostseeraum über Landes- und Diözesangrenzen hinaus.

Jörg Ansorge

Von Rechnungen und einer Holztür

500 Jahre nach dem Beginn der Reformation in den protestantischen Territorien Norddeutschlands nach ehemaligen Wallfahrtskapellen zu suchen, ist nicht einfach, bietet aber immer wieder Überraschungen. Denn der Verlust von Gebäuden, Dokumenten und die selektive, protestantisch überformte Erinnerung an die einstige Geschichte stellt vor grundlegende Probleme der historischen Überlieferung.

Schon in den 1520er Jahren gerieten viele Wallfahrtskapellen durch einen enormen Ausfall ihrer Einnahmen in eine wirtschaftliche Krise. Die landesherrlichen Visitationen, mit denen die obrigkeitliche Reformation durchgesetzt wurde, sorgen für das Ende der Wallfahrten: Zahlreiche Kapellen wurden abgerissen oder verfielen, ihr Inventar wurde verkauft oder in andere Kirchen überführt. Die Erinnerung an diese Orte hielten oft  nur lokale Überlieferungen oder Sagen fest. Je mehr die Geschichte dieser Wallfahrten in die Vergangenheit rückte, um so undeutlicher wurde ihr Bild: Viele Kapellen wurden ganz vergessen, anderen Orten wurde durch eine protestantische Fehlinterpretationen ihrer „papistischen“ Vergangenheit eine historische Bedeutung zugeschrieben, die sie nie besessen haben. 

Vermutlicher Stadtort der ehemaligen Wallfahrtskapelle in Wohlde

Um sich nicht im Wald der nachträglichen Deutungen zu verlaufen, ist es gut, sich auf unverdächtige Quellen stützen zu können. Solche Quellen sind beispielsweise Rechnungsbücher der spätmittelalterlichen Landesverwaltung. Für das Fürstentum Lüneburg hat Heinrich Dormeier die Rechnungsüberlieferung für das Jahrzehnt von 1431 bis 1441 ausgewertet und seine Ergebnisse 1994 in einer mustergültigen Studie veröffentlicht. Auch für unsere Kenntnis der Wallfahrtspraxis finden sich hier zahlreiche Hinweise. Nach den hier versammelten Belegen muss die  Kapelle im „Berger Wald“, d.h. in dem heute zur Stadt Bergen gehörigen Ortsteil Wohlde, ein bedeutender Wallfahrtsort für das Fürstentum gewesen sein, denn der landesherrliche Vogt und sein Schreiber sammelten im 15. Jahrhundert regelmäßig Standgelder von jenen Buden ein, an denen 
Besuchern und Pilgern Lebensmittel und anderen Waren angeboten wurden. Vor allem am Sonntag „Exaudi“ unmittelbar vor Pfingsten strömte  hier eine große Menschenmenge „zum Ablass“ zusammen. Unter den regelmäßigen Besuchern waren auch die Fürsten von Lüneburg. Sie hatten in 1380er Jahren die Kapelle errichten lassen und diese 1406 dem Lüneburger Kloster Sankt Michael geschenkt. Seither kümmerten sich der Abt und der Konvent um die Wallfahrt; sie erbaten u.a. in Rom Ablässe für ihre Besucher und bezahlten einen Geistlichen, der die Kapelle versorgte.

Der Verfasser vor der Eichenholztür im Museum Römstedthaus in Bergen

Mit der Reformation kam das Ende der Wallfahrt, schon 1534 hatte die Kapelle keinen Geistlichen mehr, 1541 wurde sie abgerissen und ihre Steine als Baumaterial verkauft. Auch wenn heute nicht einmal der genaue Standort der Kapelle bekannt ist, hat sich offenbar ein Teil des Bauwerks erhalten: Bei dem Abriss der Kapelle soll ein Bürger aus Bergen die Kapellentür aus Eichenholz gekauft und in sein Brauhaus eingebaut haben. Dies berichtete jedenfalls der Sohn des Berger Pastors 1763 dem Lüneburger Lehrer und Historiker Ludwig Albrecht Gebhardi. Später als Tür eines Backhauses weitergenutzt, gelangte sie 1972 schließlich in das Heimatmuseum Römstedthaus in Bergen..

Hartmut Kühne

Bibliographische Irrwege oder ein Pilgerzeichen verschwindet

Forschung produziert meist neues Wissen, manchmal allerdings wird durch neue Erkenntnisse auch vermeintlich sicheres Wissen zerstört. Davon ist heute  zu berichten.

Eines der künstlerisch schönsten Pilgerzeichen aus dem heutigen Niedersachsen stammt aus der Goslarer Stiftskirche St. Simon und Judas, wo sich aus der Feier des Kirchweihtages am 2. Juli vom Ende des 13. bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts ein überregional besuchtes Reliquienfest mit einem bedeutenden Ablass entwickelte. Besucher dieses Festes konnten wohl seit dem späten 1500 Jahrhundert auch Pilgerzeichen erwerben.

Goslarer Pilgerzeichen, Umzeichnung von Carina Brumme

1983 kam in Amsterdam ein archäologischer Fund zum Vorschein: Die Minuskel-Inschrift „eccl[esia]goslari[ensi]s“ weist die Herkunft aus Goslar eindeutig aus. Es zeigt in einem reichen gotischen Architekturaufbau in der mittleren von drei Nischen den Apostel Matthias flankiert von den beiden Stiftspatronen Simon und Judas. In den Fächern darunter sind der Reichsadler als Wappenbild der Stadt Goslar sowie links und rechts je ein Reliquienschrein zu sehen. Diesem Zeichen hat der niederländische Kunsthistoriker und Altmeister der Pilgerzeichenforschung Jos Koldeweij 1993 einen Aufsatz im ersten Band des niederländischen Pilgerzeicheninventars „Heilig en profaan“ gewidmet und es dadurch bekanntgemacht.

Allerdings schien noch ein zweites, fast identisches Zeichen zu existieren. Der um die Goslarer Stadtarchäologie hochverdiente Hans-Günther Griep veröffentlichte in einem Heft unter dem Titel „Goslars Pfalzbezirk und die Domkurien“, das als „Jahresgabe für die Mitglieder des Museumsvereins Goslar e.V.“ hergestellt wurde, ein dem Amsterdamer Fund auffallend ähnliches Stück, das allerdings andere Maße haben sollte. Diese Publikation wird sowohl von den Bibliotheken als auch im Buchhandel stets mit der Angabe „Goslar 1967“ verzeichnet. Also kannte der Goslarer Heimatforscher bereits 16 Jahre vor dem Amsterdamer Fund ein ähnliches Zeichen!? Mit dem Start unseres Projektes begann also die Suche nach dem unbekannten Stück, die der Goslarer Propst i.R. Helmut Liersch engagiert unterstützte. Aber weder die Durchsicht sämtlicher bekannter Publikationen Grieps, des Depots des Goslarer Museums noch des Nachlasses des 2016 verstorbenen Forschers brachten einen brauchbaren Hinweis.

Die unerwartete Lösung ergab sich infolge einer Nachfrage beim Kunera-Projekt der Radboud-Universität Nijmegen. Der Kollege Willy Piron fand einen Artikel von Hans-Günther Griep aus einer Goslarer Lokalzeitung, in dem er im Oktober 1994 über den Amsterdamer Fund berichtete. Er hatte davon durch den Goslarer Hobbyhistoriker und Marathonläufer Franz Balaho erfahren, der im selben Jahr zum Rotterdamer Volkslauf gereist war und das Zeichen dort zufällig ausgestellt sah.

Der Fall schien damit gelöst, aber wie kam die Abbildung und Beschreibung dieses in Goslar erst seit 1994 bekannten Zeichens in eine Veröffentlichung von 1967? Durch eine falsche bibliografische Angabe, die bisher niemandem aufgefallen war! Griep hatte bereits 1967 einen Aufsatz mit dem Titel „Goslars Pfalzbezirk und die Domkurien“ in der Zeitschrift des Harzvereins veröffentlicht. Dieser Beitrag wurde von ihm in einer erweiterten Fassung unter dem selben Titel wohl erst 1994 oder etwas später als eigene Publikation nachgedruckt. Auf dem Titelblatt wurde bei vielen oder gar allen (?) Exemplaren das Jahr 1967 handschriftlich ergänzt – es war also die Angabe der Erstpublikation. Die falsche Maßangabe tat ihr übriges, um spätere Leser in die Irre zu führen.

Nun sind wir um ein Pilgerzeichen ärmer. Aber vielleicht findet sich durch weitere Recherchen künftig noch ein weiteres Exemplar des kleinen Goslarer Kunstwerks?

Hartmut Kühne

Überraschung zum 1. Advent: Ein Gebet von der Hand Konrads von Weinsberg wiederentdeckt

Konrad von Weinsberg IX. (1370-1448), Reichserbkämmerer unter Kaiser Sigismunds, war zugleich Finanzfachmann, adliger Unternehmer, Diplomat und die wohl bestinformierte Person ihrer Zeit. Er schrieb im Jahre 1441 mit eigener Hand ein Gebet, das mit einer Anrufung des „Heiligen Blutes“ beginnt: „Chum heil’ges Blut mir zu trost…“

Den gereimten Text von 34 Versen veröffentlichte der Oehringen Pfarrer und Heimatforscher Adolf Friedrich Fischer 1874 an entlegener Stelle, ohne anzugeben, wo er in dem umfangreichen Weinsbergischen Archiv (heute im Hohenlohe-Zentralarchivs Neuenstein, Außenstelle des Staatsarchivs Ludwigsburg) zu finden ist. Der historischen Spezialforschung war das Gebet zwar bekannt, aber seit Fischer scheint niemand mehr die Originalhandschrift konsultiert zu haben. Ein kundiger Forscher stellte 1967 fest, dass man gegenwärtig nicht wisse, wo dieses Gebet zu finden sei.

Aber auch der biografische und historische Zusammenhang des Textes war bisher unklar. Dies ist verwunderlich, denn am Ende des Gebetes wird es auf das Jahr 1441 datiert; in diesem Jahr besuchte Konrad von Weinsberg zwei Mal jenen Wallfahrtsort, der damals unter dem Namen „Heiliges Blut“ weit über das Reich hinaus bekannt war: das brandenburgische Wilsnack. Konrad von Weinsberg befand sich auf einer diplomatischen Mission im Auftrag des Baseler Konzils und hatte allen Grund, sich himmlischen Beistand zu erflehen: Als Protektor des Konzils hatte er im Auftrag des Kaisers große Summen aus seiner eigenen Tasche vorgestreckt. Nun sollte er beim Deutschen Orden Gelder für die Kirchenversammlung eintreiben, durch die schließlich auch seine Ausgaben gedeckt würden. Diese Unternehmung misslang und der Adlige steckte am Ende seines Lebens über beide Ohren in Schulden. Uns hinterließ er mit seinem Gebet aber ein in dieser Form einzigartiges Zeugnis von einem Besucher Wilsnacks.

Die Wallfahrt entfaltete im 15. Jahrhundert eine starke Anziehungskraft im europäischen Norden, besonders  aber im norddeutschen Raum. Davon zeugen auch jene 18 Wilsnacker Pilgerzeichen, die im Stader Hansehafen gefunden wurden.

Wilsnacker Pilgerzeichen aus dem Stader Hansehafen 

Unsere Vermutungen zum Zusammenhang des Gebetes mit der Wilsnacker Wallfahrt war für die Mitarbeiter des Hohenlohe-Zentralarchivs Neuenstein erfreulicherweise Anlass, sich im Herbst 2018 auf die Suche nach der Handschrift zu machen. Als kaum noch Hoffnung bestand, den Text zu identifizieren, führte schließlich der Hinweis auf das Rechnungsbuch der Reise Konrads im Jahr 1441 zum Ziel: Seit dem 1. Dezember 2018 wissen wir, dass der Adlige seine Anrufung des Heiligen Blutes auf der letzten Seite seiner ‚Spesenrechnung‘ notierte (Signatur HZAN GA 15 Schubl. PNr. 40, neue vorläufige Signatur GA 15 Nr. 1909). Der Ort der Niederschrift bestätigt die Vermutung, dass in dem Gebet das in Wilsnack verehrte „Heilige Blut“ angesprochen wird. Wir hoffen, die Handschrift in unserer  Ausstellung im Jahre 2020 zeigen zu können.

Unser Dank gilt dem Hohenlohe-Zentralarchiv Neuenstein, insbesondere Dr. Ulrich Schludi und Helmut Wörner für ihre engagierte Unterstützung!

Hartmut Kühne