Klein Maastricht? Selent und der Heilige Servatius

Für die Wallfahrtsforschung in Schleswig Holstein ist Selent durchaus keine Neuentdeckung, denn die Hauptpfarrkirche der Gemeinde wird in zahlreichen spätmittelalterlichen Quellen und Testamenten als Wallfahrtsziel benannt. In seinem 1424 verfassten Testament will der Lübecker Bürger Hans de Bole einen Pilger zum Heiligen Blut nach Wilsnack senden, der danach auch noch „sunte Servase in dat land to Holsten“ (Testament des Hans de Bole, Lübeck 25.Januar 1424, zit. nach Meyer, Gunnar: Besitzende Bürger…, Lübecker Testamente, Bd. 1, 2010, S. 411.) aufsuchen sollte. Tatsächlich gehört die Kirche zu den ältesten Feldsteinkirchen der Region. Um 1180/90 errichtet, wird sie bereits 1197 erstmalig urkundlich erwähnt. Der Anlass ist die Übertragung der Patronatsrechte an den Bischof von Lübeck. Doch warum Servatius?

Ansicht der Kirche von Selent von Süden, Foto: Nadine Mai

Die Stiftung der Selenter Servatiuskirche ist eng mit der Slawenmission im 12.Jh. verknüpft. Das Patrozinium des Heiligen Bischofs Servatius von Tongeren (gest. 384) weist dabei auf niederländische Einwanderer hin, die im Gebiet des Landesherren Graf Adolf II. von Schauenburg siedelten. Der Heilige Servatius wurde als Eisheiliger gegen Kälte und Unwetter angerufen und mag für die Menschen der Region eine anschauliche Heiligengestalt gewesen sein. Wie Bauernregeln sagen: „Servaz muss vorüber sein, willst vor Nachtfrost sicher sein.“ Dass die Selenter Kirche sich später zur Wallfahrtskirche entwickelt hat, mag ebenfalls dem Patrozinium geschuldet sein. Immerhin war das Grab des Heiligen Bischofs in Maastricht im 13. Jahrhundert einer der meist besuchten Wallfahrtsorte Europas. Auch im Fund aus dem Stader Hafen finden sich Pilgerzeichen aus der Maastrichter Servatiuskirche. Anders als in Maastricht ist das genaue Verehrungsinteresse der Wallfahrer in Selent nicht bekannt: Über hier gezeigte Reliquien des Heiligen, eine Servatiusfigur oder ein Bildnis, besitzen wir keinerlei schriftliche Zeugnisse. Allein im Westturm hat sich ein spätmittelalterlicher Opferstock erhalten.

spätmittelalterlicher Opferstock in der Kirche von Selent , Foto: Nadine Mai

Dafür, dass Selent für die norddeutschen Gläubigen ein „Kleines Maastricht“ war, sprechen auch der imposante Bau mit Turm und die Ausstattung der Kirche. Schon in der zweiten Hälfte des 13. Jhdts. wurde die Kirche um zwei Joche nach Osten erweitert und im 14. Jahrhundert mit Kreuzrippen und einem Sterngewölbe im ‚Vierungsjoch‘ eingewölbt (vgl. Bettina Gnekow: St. Servatius zu Selent und die mittelalterliche Kirchenarchitektur im Kreis Plön, in: Jahrbuch für Heimatkunde im Kreis Plön, 21 (1991), S. 14-46; Gerd Stolz: St. Servatius in Selent: Fragen aus der Geschichte, in: Jahrbuch für Heimatkunde im Kreis Plön, 27 (2009), S. 99-117). Zudem genoss die Kirche eine Förderung durch den Adel: Bereits 1346 ist eine Vikarienstiftung und Memorialkapelle für den Ritter Hinrich Split belegt. (Irmtraud Engling: Die Vikarienstiftungen in der Kirche von Selent: ein Stück mittelalterlicher Kirchengeschichte, in: Jahrbuch für Heimatkunde im Kreis Plön, 27 (1997), S. 41-54.) Auf der Südseite stiften die Söhne des Klaus Rantzau um 1477 eine Kapelle, ein Epitaph (1484) steht dort noch heute.

Blick in den Kirchenraum nach Osten auf den Hochaltar, Foto: Nadine Mai

Ein geschnitztes Flügelaltarretabel mit Passionsszenen und eine spätmittelalterliche Triumphkreuzgruppe sind weitere Belege für die Bedeutung der Kirche im ausgehenden 15. Jahrhundert. Bestechend ist hier sicher die Parallelität zur Ausstattung der Lütjenburger Kirche (vgl. den Blog vom 4. März 2019).

Lade auf der Rückseite des Altarretabels in Selent, Foto: Nadine Mai

Auf der Rückseite ließ sich die Predella durch eine große Lade öffnen, was für ein Reliquiendepositum sprechen könnte. Welche Art von Inszenierung für die Pilger damit einherging, bleibt hingegen offen.

Nadine Mai

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.