Überraschung zum 1. Advent: Ein Gebet von der Hand Konrads von Weinsberg wiederentdeckt

Konrad von Weinsberg IX. (1370-1448), Reichserbkämmerer unter Kaiser Sigismunds, war zugleich Finanzfachmann, adliger Unternehmer, Diplomat und die wohl bestinformierte Person ihrer Zeit. Er schrieb im Jahre 1441 mit eigener Hand ein Gebet, das mit einer Anrufung des „Heiligen Blutes“ beginnt: „Chum heil’ges Blut mir zu trost…“

Den gereimten Text von 34 Versen veröffentlichte der Oehringen Pfarrer und Heimatforscher Adolf Friedrich Fischer 1874 an entlegener Stelle, ohne anzugeben, wo er in dem umfangreichen Weinsbergischen Archiv (heute im Hohenlohe-Zentralarchivs Neuenstein, Außenstelle des Staatsarchivs Ludwigsburg) zu finden ist. Der historischen Spezialforschung war das Gebet zwar bekannt, aber seit Fischer scheint niemand mehr die Originalhandschrift konsultiert zu haben. Ein kundiger Forscher stellte 1967 fest, dass man gegenwärtig nicht wisse, wo dieses Gebet zu finden sei.

Aber auch der biografische und historische Zusammenhang des Textes war bisher unklar. Dies ist verwunderlich, denn am Ende des Gebetes wird es auf das Jahr 1441 datiert; in diesem Jahr besuchte Konrad von Weinsberg zwei Mal jenen Wallfahrtsort, der damals unter dem Namen „Heiliges Blut“ weit über das Reich hinaus bekannt war: das brandenburgische Wilsnack. Konrad von Weinsberg befand sich auf einer diplomatischen Mission im Auftrag des Baseler Konzils und hatte allen Grund, sich himmlischen Beistand zu erflehen: Als Protektor des Konzils hatte er im Auftrag des Kaisers große Summen aus seiner eigenen Tasche vorgestreckt. Nun sollte er beim Deutschen Orden Gelder für die Kirchenversammlung eintreiben, durch die schließlich auch seine Ausgaben gedeckt würden. Diese Unternehmung misslang und der Adlige steckte am Ende seines Lebens über beide Ohren in Schulden. Uns hinterließ er mit seinem Gebet aber ein in dieser Form einzigartiges Zeugnis von einem Besucher Wilsnacks.

Die Wallfahrt entfaltete im 15. Jahrhundert eine starke Anziehungskraft im europäischen Norden, besonders  aber im norddeutschen Raum. Davon zeugen auch jene 18 Wilsnacker Pilgerzeichen, die im Stader Hansehafen gefunden wurden.

Wilsnacker Pilgerzeichen aus dem Stader Hansehafen 

Unsere Vermutungen zum Zusammenhang des Gebetes mit der Wilsnacker Wallfahrt war für die Mitarbeiter des Hohenlohe-Zentralarchivs Neuenstein erfreulicherweise Anlass, sich im Herbst 2018 auf die Suche nach der Handschrift zu machen. Als kaum noch Hoffnung bestand, den Text zu identifizieren, führte schließlich der Hinweis auf das Rechnungsbuch der Reise Konrads im Jahr 1441 zum Ziel: Seit dem 1. Dezember 2018 wissen wir, dass der Adlige seine Anrufung des Heiligen Blutes auf der letzten Seite seiner ‚Spesenrechnung‘ notierte (Signatur HZAN GA 15 Schubl. PNr. 40, neue vorläufige Signatur GA 15 Nr. 1909). Der Ort der Niederschrift bestätigt die Vermutung, dass in dem Gebet das in Wilsnack verehrte „Heilige Blut“ angesprochen wird. Wir hoffen, die Handschrift in unserer  Ausstellung im Jahre 2020 zeigen zu können.

Unser Dank gilt dem Hohenlohe-Zentralarchiv Neuenstein, insbesondere Dr. Ulrich Schludi und Helmut Wörner für ihre engagierte Unterstützung!

Hartmut Kühne

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